Wie 50 Schwimmbadlängen und die Geschichte «Samuel und der Sprungturm» meine Ansicht von Grenzen verändert haben.

Es ist überaus spannend zu beobachten was alles passiert, wenn man den Status quo über Board wirft und sich in neue Gewässer wagt. Wer mich kennt, der weiss, dass in den letzten Jahren das Thema Bouldern ein grosser Bestandteil meines Lebens war. Es hat mich zum Sport geführt, den ich heute nicht mehr missen will und hat mich meine körperlichen Ziele erreichen lassen wovon ich zuvor nur geträumt habe. Alles nur weil ich dazumal den Status quo, dass ich dick und unsportlich bin irgendwann nicht mehr akzeptieren konnte.

Als es begonnen hat konkret zu werden für die Reise, musste ich sehr schnell feststellen, dass Bouldern und eine Radreise nicht sehr viele Schnittpunkte haben, ausser ich würde die Routenführung entsprechend den Bouldergebieten ausrichten und ab und auch noch klettern gehen. Das dies aber nicht in Frage kam war sehr schnell klar. Die Reise soll kein festes Ziel haben und das lässt sich nicht damit vereinbaren stets in Kletterumgebung zu sein. Als dies klar war, wurde allmählich der Status quo vom Bouldern zu Fall gebracht. Und so bin ich im Februar zum Schwimmen gekommen.

Das Schwimmen macht in vielen Hinsichten Sinn, da die Reise hoffentlich meist in warmer Umgebung sein wird und mich das Tauchen schon länger interessiert, ich es jedoch nie umgesetzt habe. Also hat das Schwimmen sehr gut dazu gepasst. Gut Schwimmen können schadet dem Tauchen sicherlich nicht.
Naiv wie man als Sportler der eine Sportart etwas besser beherrscht als andere war der erste Gedanke etwas überheblich: «Boulderer und Schwimmer schauen optisch ja ähnlich aus, also muss das eine einfache Nummer sein.» Heute weiss ich dass dieser Gedanke falsch war, muss jedoch jedes Mal schmunzeln wenn ich daran denke.

Die Technik fehlte überall. Zuerst schluckte ich stets Wasser und dann bemerkte ich, dass es kaum vorwärts geht obwohl ich in der Schule dazumal die ganzen Schwimmabzeichen gemacht habe. Mist. Wieder begann es ganz von vorne, wie dazumal beim Bouldern. Doch dieser Umstand bestärkte mich, da ich wusste, dass es nur aufwärts gehen kann in der Lernkurve und es nur eine Frage der Zeit ist, bis es leicht wird. Dies war das erste Mal als die Grenze von «verdammt schwer bis unmöglich» zu «bald ist es einfach» verschoben wurde.

Es vergingen Wochen und Monate. Die ersten paar Mal habe ich das Schwimmen verflucht, doch mein Kopf hat die Brücke aufs Fahrrad geschlagen und sagte stets: «Wenn du hier keine 50 Längen schwimmen kannst, dann kannst du das Fahrradfahren gleich sein lassen!» Also war der Ehrgeiz geweckt 50 Längen waren das Ziel. 50 Längen am Stück und ohne Pause. 50 Längen die bloss ein Platzhalter für die Mindestanzahl an Tageskilometern sind. 50 Längen die mich ordentlich ins Schwitzen gebracht haben.

Das Ziel von 50 Längen war in einer Zeitspanne von rund 12 Wochen sogar so weit weg, dass ich echt dachte, dass schaffe ich nie. Und da kam eines Abends Samuel, der sicherlich nicht Samuel heisst und übte den Kopfsprung vom 1 Meter Sprungbrett. Eine Stunde die mich sehr beschäftigt hat und daraus eine Geschichte entstanden ist, welche mich zu den 50 Längen am Stück motiviert hat und es hoffentlich auch noch die ganze Reise machen wird.

Samuel und der Sprungturm

Einsam ziehe ich meine Bahnen im Schwimmbecken. 25 Meter misst eine Länge und es waren schon viele an diesem Abend, zu viele. Es will nicht so wirklich vorwärts gehen, es will eigentlich gar nicht mehr. Das einzige was mich im Wasser hält ist die Entschlossenheit es durchzuziehen. Denn nichts kann mich aufhalten ausser einem Zusammenbruch. Also schwimme ich weiter.

Der Puls schlägt bis in den Kopf. Ausser Atem und sichtlich ohne Freude, muss ich am Ende einer Länge meinen Puls abflachen lassen. Ich blicke wohl mit glasigen Augen völlig in den Herzschlag vertieft ins nichts als ich plötzlich ein «pflatsch» vernehme welches wie eine Mischung aus Platsch und Bauchklatscher klingt. Direkt gegenüber von mir auf dem 1 Meter Sprungbett ist er, Samuel.

Samuel ist ein junger Kerl. Wie ich, nur wohl etwa drei bis vier Jahre jünger. Er läuft gerade wieder zur Spitze auf dem Sprungbrett, hocke sich mit seiner aufgesetzten Schwimmbrille hin und bildet mit seinen Armen einen Pfeil, lehnt sich nach vorne und springt nicht. Man sieht wie er es versucht, er zittert und wippt vor und zurück. Plötzlich wippt er etwas mehr und fällt wie ein Stein aus seiner Hocke kopfüber ins Wasser. Da ist es wieder, das Geräusch das klang wie ein Bauchklatscher.

Als Samuel wieder auftaucht verzieht er keine Miene. Er kommt aus dem Wasser und geht auf direktem Weg wieder aufs Sprungbrett und dasselbe Spiel von vorne. Ich bin überwältigt. Er übt tatsächlich den Kopfsprung obwohl er sichtlich keine Freude daran hat. Bewundernswert denke ich. Noch nie zuvor habe ich bei jemanden in seinen Zwanzigern so nahe beobachten können wie er über seine Angst hinaus geht und es dann noch übt. Grossartig denke ich und sage zu mir selbst: «Wenn Samuel seine Komfortzone überwinden kann, kann ich das auch» Also schwimme ich weiter.

Es vergehen weitere Längen. Das Geschehene treibt mich weiter und es fühlt sich gar nicht mehr so schlimm an. Als hätte der Kopf verstanden, dass es jetzt einfach nur noch durch das Schwimmen weiter geht und alles andere nichts bringt. Die ganze Zeit über hallt das Geräusch vom Bauchklatscher durch die Schwimmhalle und jedes Mal finde ich es toll, dass er seinen Kopfsprung durchgezogen hat.

Bei einem Wechsel kurz nach der Tauchphase traue ich meinem Blick kaum. Samuel welcher sich einen Ruck am 1 Meter Sprungbrett geben musste, stieg die Leiter zum 3 Meter Turm hoch. Ein typischer Gedanke schiesst sofort durch den Kopf: «Ach das macht er sicherlich nicht.» Zu sehr denke ich wohl an meine eigene Erinnerung an den 3 Meter Turm. Wie oft blickte ich runter, um dann am Ende nicht runter zu springen sondern runter zu laufen. Ich schwimme weiter, nehme mir aber vor Samuel weiter zu beobachten, denn ein Teil in mir wünscht sich, dass er springt.

Auf einmal sehe ich Samuel wieder unten. Ohne ein Platscher gehört zu haben. Ohhje, er hat es doch nicht getan. So hockt er erneut auf dem 1 Meter Sprungbrett und das mir so bekannte Geräusch ist plötzlich wieder zu hören. Es ist noch einige Male hörbar, bevor Samuel erneut den 3 Meter Turm hoch steigt.

Innerlich völlig gespannt beobachte ich das Geschehen vom Beckenrand hinter dem Turm aus. Die Haltung ist typisch. Wie ich dazumal. Das Geländer fest im Griff. Mit weichen Knien läuft er nach vorne schaut runter um dann zurück zu gehen. Dies wiederholt sich einige Male, bis der Moment eintritt, auf den ich mittlerweile so hoffe. Er schaut zurück, bleibt aber vorne. Die Arme am Körper läuft er ein paar Schritte zurück, um dann nach vorne zu rennen und zu springen. Samuel hat es durchgezogen. Samuel ist vom 3 Meter Sprungturm gesprungen obwohl alles von aussen darauf hingedeutet hat, dass er es nicht tun wird.

Innerlich völlig ausser mir, denke ich einen Moment lang daran zu ihm rüber zu gehen, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu applaudieren. Doch ich werde es nicht tun. Bis zum Schluss finde ich es wahnsinnig inspirierend, wie er über seine Grenze der Angst hinweggesprungen ist. Einfach ein Vorbild.

Auch wenn ich es dir wohl nie persönliche sagen werde: «Samuel ich bin verdammt stolz auf dich!»

Seit dem Abend mit Samuel ist bereits einige Zeit vergangen. Mittlerweile weiss ich selbst nicht mehr was alles daran wahr ist und was nicht. Es ist lustig wie der Kopf Details weglässt und anderes hinzufügt. Trotzdem blieb die Essenz davon hängen.

Grenzen existieren nur im Kopf.

Also schwamm ich weiter. Plötzlich mit einer Idee ich könne aus 50 Längen 10x 5 Längen machen, welches einen Motivationsschub auslöste und mich plötzlich beim Schwimmen Freude empfinden liess. Es war nicht mehr eine grosse Zahl und die kleinen Teilschritte machten Spass erreicht zu werden. Wieder setzten sich die Grenzen neu. Nämlich zu «Schwimmen macht Spass» und «bald habe ich die 50 Längen am Stück».

Es vergingen noch ein paar Wochen bis der Abend kam, bei welchem es sich nach 15 Längen schon angefühlt hat, als würde ich demnächst absaufen. Mein Kopf aber hatte sofort Samuel parat und sagte: «Er sprang und du schwimmst verdammt nochmal! Nebenan sind die Rettungsschwimmer, die ziehen dich schon raus, wenn du absaufen solltest!» Also habe ich die Grenze ignoriert, mein Tempo gefunden und bin 50 Längen am Stück geschwommen. Wieder wurde die Grenze verschoben, nämlich zu «jetzt ist es ganz einfach».

Kategorien: Gedanken

1 Kommentar

Anita · Juni 23, 2019 um 12:30 pm

Mein lieber Sohn, ein ganz toller Bericht. Ich bin so unendlich Stolz auf Dich, und was Du schaffen willst erreichst Du genau auf diesem Weg. Wie ich Dir als Kind schon immer gesagt habe, die Ziele erreicht man nur selbst wenn man fest an sich glaubt. Bravo ich bin sehr stolz auf Dich Von Herzen Mami

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