Wie bereits in der Zusammenfassung vom September erwähnt, erhält die Begegnung mit Cumali, meinem drittem und letztem Fahrer, auf dem Weg nach Wien einen eigenen Beitrag. So sehr hat mich die rund zwei stündige Fahrt überrascht und wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Aber beginnen wir einmal am Anfang dieser Geschichte.

Die Raststätte

Da stehe ich also. Allein auf einer Autobahnraststätte oder zumindest glaube ich, dass es eine ist, so sicher bin ich mir nicht. Der zweite Fahrer heute hat mich an einem Kreisel rausgelassen. Wieso hat es einen Kreisel auf einer Raststätte? Ahh, hier kann man auch von der Autobahn Ab- und wieder Rauffahren. Mist. Von solchen Rasthöfen wurde im Internet gewarnt. Lieber nicht dort aussteigen, weil zu viel Verkehr aus allen Richtungen an solchen Orten verkehrt. Da kann es schon einmal schwierig werden eine neue Mitfahrgelegenheit zu finden.

Naja. Was soll ich machen? Nun stehe ich bereits hier und der Servicetechniker ist bereits über alle Berge. Also schnell rein ins Geschehen. Vielleicht finde ich hier genau so schnell einen neuen Fahrer wie vorhin beim McDonalds. Aber erst einmal aufs Klo.

Schon etwas ärgerlich. Über 2 Euro fürs pinkeln ausgegeben zu müssen. Wieso konnte ich nicht vorher irgendwo Geld wechseln? Egal. Das überlebe ich schon. Nun erst einmal ein Stück Karton finden, das andere habe ich ja bei Thomy im Audi vergessen.

Praktisch, dass hier gerade ein Container für Karton steht. Ob das wohl gewollt für Tramper ist hier? Eher nicht. Also nun mit  farbigen Buchstaben meine Absicht hinschreiben: Richtung. Wien. 🙂 . Hihi, der Smiley schaut gut aus. Nun mal sehen, dass ich irgendwo hin komme wo die Autos durchfahren.

Hm… hier scheint nicht viel los zu sein. Die Autos bewegen sich kaum und die wenigen Menschen die ich sehe fahren nicht in meine Richtung. Die LKW Fahrer sind auch nicht so freundlich oder verstehen sie mich einfach nicht? Egal. Weitersuchen. Wie komme ich eigentlich auf die Auffahrtstrecke wo die ganzen Autos auf die Autobahn fahren?

Schnell, da kommt wieder jemand. Hoffentlich kann mich dieses ältere Paar mitnehmen.

Ich: Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?
Fremder: Ja freilich.
Ich: Fahren Sie zufällig in Richtung Wien und hätten Zeit und Lust mich mitzunehmen?
Fremder: Hach so schön, dass heute noch jemand per Anhalter unterwegs ist. Leider fahren wir in ein Kloster nicht weiter als die nächste Ausfahrt. Ich denke das bringt Ihnen nicht viel, oder?
Ich: Wahrlich nicht. Trotzdem vielen Dank und einen tollen Aufenthalt im Kloster wünsche ich Ihnen!
Fremder: Das wünsche ich Ihnen auch. Mögen Sie sicher ankommen. Aber verlassen Sie sich nicht auf die Kennzeichen.
Ich: Warum denn nicht, wenn ich fragen darf?
Fremder: In diesem Seminarhotel hat es sehr viele Geschäftsleute welche mit den Firmenwagen hier parken. Diese Autos sind lediglich auf die Zentrale in Wien zugelassen, die Menschen fahren aber in ganz andere Richtungen.
Ich: Ohh. Danke für diesen wertvollen Hinweis. Dann wird es wohl doch nicht so einfach wie ich zuerst dachte, bei all diesen Wiener Fahrzeugen.
Fremder: Sie finden sicherlich jemanden. Einen schönen Tag.

Leider ist es auch nicht möglich auf die Auffahrtstrecke zu gelangen. Alles abgeriegelt und vor der Autobahn können die Autos nicht anhalten. Schade es kommen viele Autos hier auf die Autobahn. Ob es hier wohl eine Alternative gibt zum Parkplatz? Denke nicht, dass viele Gäste von diesem Seminarhotel demnächst weiterfahren.

Was ist denn das da vorne? Etwas eine Tankstelle. Stimmt, die habe ich vorhin beim ankommen kurz wahrgenommen. Mal schauen ob ich da jemanden finde. Ja schau. Da steht einer und telefoniert im Auto.

Ich: Halte mein Schild hoch und schaue fragend mit meinem schönsten Lächeln in die Augen des Fahrers.
Fremder: Schüttelt den Kopf und telefoniert weiter.

Das wäre nun aber auch perfekt gewesen, wenn er genickt und mich gleich mitgenommen hätte. Aber da hinten stehen ja auch noch Autos an der Zapfsäule. Oha, ein Wiener der tankt. Der fährt sicherlich in meine Richtung. Wieso sind heute eigentlich alle immer am Smartphone? Waren nicht überall diese Warnhinweise, dass man beim Tanken nicht am Natel sein sollte?

Ich: Entschuldigung, darf ich Sie etwas Fragen?
Ich: Hallo. Darf ich Sie etwas Fragen?
Ich: Hello, can I ask you something?
Fremder: Sure. What is?
Ich: Are you heading to Vienna or in that direction?
Fremder: Yes, to Vienna, why?
Ich: Can I drive with you? I’m a hitchhiker and try to find a lift.
Fremder: Wait. I have to pay.
Ich: Okay. I’ll wait in front of the shop.

Klingt schon einmal vielversprechend. Er hat noch nicht gleich abgelehnt. Das wäre jetzt toll wenn mich der nette Mann mitnehmen könnte. Dann wäre ich in weniger als einer Stunde bereits wieder auf dem Weg und kann so, dass Airbnb…

Fremder: Okay. I’ll pick you up. Move on. We have to go quickly.

Die etwas andere Mitfahrgelegenheit

Da sass ich nun. In einem schwarzen, nahezu neuen, Mazda 3. Der Fahrer heisst Cumali. Cumali ist etwas kleiner als ich, trägt ein weisses Hemd und schwarze Stoffhosen. Sein Auftreten ist sehr formell. Sicherlich jemand der geschäftlich unterwegs ist. Das würde auch die Koffer im Kofferraum erklären. Ziemlich viel, was dieser kleine Mann so mit sich rumschleppt.

Die ersten Minuten waren etwas harsch. Cuamli hat mir sofort erklärt, dass der einzige Grund wieso er mich mitgenommen hat das Karma ist. Top! Da wirft er mir direkt einen Köder hin den ich tiptop für ein Gespräch nutzen kann. Zum Glück komme ich ja gerade aus einem buddhistischen Zentrum. Da können wir sicherlich etwas über den Buddhismus sprechen. Da habe ich ihn natürlich gefragt ober er Buddhist sei.

Cumali: Sicherlich nicht! Religion ist scheisse. Religion ist nur die Wurzel für viel Krieg und Elend. Ich glaube nur an das Karma. Was hast du eigentlich studiert?
Ich (gedanklich): Was war jetzt das? Mist. Da hat ihn meine Frage ziemlich getriggert. Schnell ein anderes Thema suchen und ihn reden lassen.
Ich: In meiner ersten Ausbildung habe ich Automobilfachmann gelernt und mich dann zum technischen Kaufmann weitergebildet. Studiert habe ich nie. Was arbeitest du?

In den nächsten Minuten hat mir dann Cumali den Grund für seine Reise in Österreich genannt. Er sei ein Geschäftsmann welcher für ein türkisches Unternehmen aus der Textilbranche auf der ganzen Welt unterwegs ist. So bestand seine Reise in den letzten Tagen daraus, dass er Kunden besucht habe und nun wieder in Richtung Flughafen unterwegs ist. Jedoch habe er in Wien noch einen Termin den es vor der Abreise noch zu erfüllen gibt. Darum müssen wir etwas Gas geben. Er wolle ja pünktlich da sein und die Zeit war wirklich auch etwas knapp. Ich dachte schon, dass es ein chilliger Job sei den er hat. Quasi vier Stunden vor dem Abflug schon auf dem Weg zum Flughafen sein und sich einen gemütlichen Arbeitstag machen. Nichts bei Cumali, da wird gearbeitet bis kurz vor dem Abflug.

Irgendwie kamen wir bei dieser gemeinsamen Autofahrt immer wieder auf das Thema Glauben zu sprechen. Immer und immer wieder hat Cumali betont wie schlimm er Religion findet, allem voran der Islam. Zu viel schlechtes wird im Namen von einem Gott begangen. Nuja, da treffen sich wenigstens unsere Gedanken in einem Punkt. Auch ich bin der Meinung, dass viel zu viel schlechte Taten in der Vergangenheit und Gegenwart im Namen eines Gottes begangen wurde. Völlig nicht nachvollziehbar wie andere Menschen das als Rechtfertigung für ihr handeln ansehen können.

Auch hat Cumali einiges über den Islam erzählt, was ich in dieser Form noch nie gehört habe. Zum Beispiel hat er mich gefragt ob ich den wirklichen Grund kenne warum die Moslems kein Schweinefleisch essen? Bis dahin kannte ich bloss die Erklärung, dass das Schwein als unrein gilt und darum nicht gegessen werden darf. Aber so wirklich wissen tat ich es nicht und tue es auch heute noch nicht. Die Erklärung von Cumali war mir schon etwas weit hergeholt auch wenn die Theorie nicht ganz so unplausibel klingt. Nämlich war er davon überzeugt, dass es lediglich der Eigennutz vom Propheten Moahmmet war. Dieser sei auch derjenige gewesen der das Essen von Schweinefleisch verbot. Der Prophet war nämlich ein Schafzüchter und habe es nur darauf abgesehen, dass die Menschen auf sein Schafsfleisch ausweichen müssen wenn er ihnen das Schweinefleisch verbietet. Schon etwas weit hergeholt die Theorie, doch so ganz ausschliessen würde ich sie aus ökonomischer Sicht nicht. Wer sich mit der Wirtschaftsgeschichte auseinandergesetzt hat der weiss, dass das heutige Verbot von Cannabis in Europa von der französischen Firma DuPont stammt. Der Hintergrund war, dass zu der Markteinführung von Kunstfasern die Hanffasern noch marktbeherrschend waren und mit dem Verbot von Cannabis der Markt so nach und nach von den Hanffasern bereinigt wurde. Anyway, weiter geht’s mit Cumali.

Der Supergau

Etwas tapsig und nicht wirklich mit einer Ankündigung hat Cumali dann nach der Theorie vom Propheten eine Bombe platzen lassen. Ich war sichtlich schockiert und habe erst einmal aus dem Fenster geschaut. So war mir in diesem Moment nicht klar wie ich darauf reagieren sollte. Lachen? Eine Frage stellen? Einfach da Sitzen? Ich entschied mich dazu einfach mal nichts zu sagen. Doch was hat er gesagt?

Cumali: Weisst du Yannick. Ich habe Männer getötet.
Ich:
Cumali: Also Terroristen.
Cumali: Weisst du, ich war bei einer Spezialeinheit des türkischen Militärs und in Syrien sowie Somalia im Krieg.
Ich: Achso. Danke für die Ergänzung, ich denke du hast mir angesehen, dass ich etwas überfordert war mit deinem Einstieg?

Da war nun der Grund warum er an keine Religion glaubt und dafür an das Karma. Ich fragte ihn ob ich mit meiner Ahnung richtig läge? Er bestätigte mir meinen Gedanken und begann mit einer langen Erzählung die darüber handelte warum er andere Männer getötet hat.

Weisst du Yannick. Du kannst mir Glauben oder nicht. Diese Männer sind keine Menschen. Sie töten im Namen von Allah, aber wer ist dieser Allah? Keiner hat ihn je gesehen und trotzdem richtigen Sie so viel Leid an. Ich hatte gar keine andere Wahl. Entweder ich oder sie und in meinem Fall ist es gut für mich ausgegangen. Doch glaube mir nicht, dass es nichts mir dir macht. Der erste den ich getötet habe, hat mich verfolgt. Ich träumte von ihm und sah sein Gesicht ganz nah. Doch danach geht es. Es ist wie im Videospiel.
Aber ist es nicht falsch so darüber zu sprechen einen anderen Menschen zu töten?
Weisst du Yannick. Das waren keine Menschen. Menschen tun solche Dinge nicht wie die Terroristen. Diese Männer sind krank und können von keiner Medizin geheilt werden. Einzig wenn man sie tötet rettet man damit die anderen Menschen von ihnen.

Ein wirklich spannender junger Mann dieser Cumali, er ist nämlich lediglich 6 Jahre älter als ich und hat bereits so viel erlebt. Und genau ich profitiere heute davon, dass er andere Menschen getötet hat. Wie Eingangs berichtet glaubt er nur an das Karma, dass er durch solche gute Taten wie mich mit nach Wien zu nehmen in seinem Leben die Balance wieder herstellt. Auch wenn er es nicht zugegeben hat, steckt für mich hinter diesem Glauben an das Karma ein bisschen Reue. Auch wenn er überzeugend hasserfüllt über die Terroristen gesprochen hat, glaube ich nicht restlos, dass es ist wie im Computerspiel. Was wohl seine Frau darüber sagen würde, wenn sie es wüsste? Das hat er nämlich auch mehrmals angesprochen. Seine Frau wisse nicht was er im Militär getan habe und das soll auch so bleiben.

Zum Glück verlagert sich das Gespräch nun wieder auf etwas normales. Cumali fängt nämlich gerade an mir aus seiner Spezialausbildung zu erzählen wo und wie ich Wasser in der Natur finden könne. Er sei nämlich immer der beste gewesen sich draussen Nahrung und Wasser zu beschaffen. In Somalia nämlich waren sie über Tage alleine in der Natur und mussten sich auf eigene Faust durschlagen.

Er erzählte mir, dass es wichtig ist sich an der Farbe der Natur zu orientieren. Je lebendiger die Pflanzenwelt sei, desto mehr Wasser finde man dort. An das Wasser käme ich dann ganz einfach. Entweder Graben bis ich es schöpfen könne oder nach Pflanzen Ausschau halten welche viel Wasser in ihren Stängeln oder Blätter speichern und es daraus trinken. Falls ich einmal wirklich an kein Wasser käme, könne ich auch das Blut eines Kaninchens trinken. Aber nicht zu viel, das sei nicht gesund.

Zeitgefühl adé

Bereits im August wurde ich von Freunden angeschrieben und gefragt ob ich in Wien durchkäme, wenn ja würden sie mich gerne besuchen kommen. Da ich nicht wirklich einen fixen Plan verfolge war für mich natürlich klar, dass ich mich nach Ihnen richte und so haben wir das Datum von Ende September ausgemacht. Dieses Treffen war mitunter auch dafür verantwortlich, dass ich den Weg nach Gomde gefunden habe. Danke dafür!

Nur wie kommt man nach Wien ohne eigenes Fahrzeug und der Absicht möglichst Ressourcen schonend zu reisen? Da ich bereits sehr gute Erfahrungen von Kufstein nach Salzburg mit Trampen gemacht habe, bin ich natürlich auch den Weg von Gomde aus getrampt. Da Thomy an meinem Abreisetag zufälligerweise mit den Nonnen einen Ausflug unternommen hat, war dies gleich meine erste Mitfahrgelegenheit. Freundlicherweise wurde ich bis zu einem Mc Donalds an der Autobahn mitgenommen. Dort habe ich dann bereits nach einer Minute eine nächste Mitfahrgelegenheit gefunden. Nicht nur ich war sichtlich erstaunt, dass ich kaum aus dem Auto raus bereits im nächsten sass. Wenn ich mich recht erinnere, war ich sogar schneller wieder auf der Strasse als die beiden anderen Fahrzeuge welche mich dahin gefahren hatten.

Der zweite Fahrer war ein Aussendienstmitarbeiter welche mich bis zu einer Autobahnraststätte mitnehmen konnte. Ein perfekter Ort für mich den nächsten und was ich dann noch nicht wusste, finalen Fahrer zu finden. Nämlich Cumali, ein türkischstämmiger Geschäftsmann aus der Textilbranche. Die Geschichte bezüglich der Fahrt wird einen eigenen Eintrag erhalten. Soviel bereits vorab. Die Fahrt war sicherlich nichts für jedermann. Nicht weil er schlecht gefahren wäre, nein weil er selbst eine etwas spezielle Lebensgeschichte aufweist. Doch genau diese Art von Begegnungen waren es, welche mich für das Trampen bewogen haben. Völlig privat mit wildfremden Menschen zu sein.Wie schnell doch die Zeit vergehen kann. Nachdem Cumali die Bombe platzen liess habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Plötzlich war auf dem Navi noch eine Reststrecke von unter 50km angezeigt. Begonnen haben wir bei etwas um 200km. Etwas Gedankenversunken sass ich auf dem Beifahrersitz und schaute aus dem Fenster als Cumali mich daraus riss.

Cumali: Yannick. Wohin musst du eigentlich genau?
Ich: Ins Zentrum von Wien. Aber lass mich einfach dort raus wo du bist. Wir waren sehr schnell ich habe genügend Zeit an meinen Bestimmungsort zu kommen.
Cumali: Nein sag mir deine Adresse. Ich fahre dich dahin.
Ich: Nein, passt schon. Mach dir wirklich keine Umstände wegen mir.
Cumali: Sag mir die Adresse ich tippe sie ins Navi ein. Ich fahre dich bis dahin.

Da sich Cumali nicht umstimmen liess habe ich ihm dann die Adresse gegeben und wir fuhren auf direktem Weg zum Airbnb. Mist. Eigentlich ist es ja toll schon so früh dort zu sein. Aber was mache ich nun nur die 90 Minuten die ich zu früh da bin? Schon schauen ob der Schlüssel in der Box ist? Lieber nicht, wer weiss schon ob die elektronisch überwach ist und wegen mir dann ein extra Tag verrechnet wird.

Was an diesem Nachmittag und den nachfolgenden Tagen noch alles passiert ist kannst du gerne in der Zusammenfassung vom Monat September nachlesen.

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1 Kommentar

Nr.17: Zusammenfassung: September – YAHU · Oktober 25, 2019 um 4:38 pm

[…] Geschäftsmann aus der Textilbranche. Die Geschichte bezüglich der Fahrt findest du in diesem Beitrag. Soviel bereits vorab. Die Fahrt war sicherlich nichts für jedermann. Nicht weil er schlecht […]

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