Der erste Monat war eindrücklich, unvorhersehbar, voller Gefühle und am Ende nahm er eine unerwartete Wendung. Eine Zusammenfassung über die ersten 31 Tage in vier Akten.

Akt I: Aufbruch

Am ersten August ging es los in Aarau. Bei einem kleinen Fest, welches eigentlich nur als Apero geplant war, sind dutzende Menschen der Einladung gefolgt. Es wurde gelacht, gequatscht die letzten Umarmungen ausgetauscht und es flossen die ersten Tränen. Diesen Moment hatte ich so nicht geplant oder sogar berücksichtigt. Wie geht es denn den Menschen die ich zurücklasse? In der ganzen Vorbereitung auf die Veloreise habe ich mich so sehr auf das Ziel fokussiert, dass ich diesen Umstand nahezu ausgeblendet habe. Lediglich die Diskussionen mit Susi haben mich an sie denken lassen, aber da waren ja noch andere Menschen die mich gern haben.

Das Fest verging schnell. Mit allen wollte ich noch einmal sprechen, mit ihnen lachen und etwas trinken. So kam es dann auch, dass ich nicht wie geplant um 14Uhr los gefahren bin, sondern erst mit einer Stunde Verspätung. Da war er nun. Dieser Moment auf den ich schon so lange gewartet habe. Aufstehen, die Veloschuhe anziehen mich aufs Velo schwingen und lostreten. Nicht mehr zurückschauen soll gegen das Heimweh helfen habe ich gelesen, also habe ich dies nicht mehr gemacht. Begleitet von Marcus auf dem E-Bike, Nicolas und Marco auf dem Motorrad sind wir in einem kleinen Korso die ersten Kilometer gemeinsam gefahren. Marcus hatte mich sogar noch etwas weiter begleitet bis ich dann kurz vor Lenzburg auf mich allein gestellt war. Wow! Was ein Gefühl. Die Reise ging nun los, es stehen mir alle Möglichkeiten offen und ich muss mich nur Entscheiden. Also wohin geht es nun?

Akt II: Allein

Die ersten Tage waren aufregend. Das Velofahren ging super mit dem vielen Gepäck und ich kam in einen Flow den ich so noch nicht erlebt habe. Was mir jedoch gleich in der ersten Nacht aufgefallen ist, dass man ausgelaugt und ausgepowert relativ leichte Beute für die ganzen negativen, kritischen oder fragenden Gedanken ist. War es das richtige? Ist es nicht völlig egoistisch einfach loszuziehen und die liebsten zurückzulassen? Ist es den Schmerz wert den du Susi zufügst? Ja da waren sie. Die Dämonen welche ich in der ganzen Vorbereitung nie verspürt habe, nun aber alle gemeinsam da waren. Es war wirklich keine einfache Zeit. Ich fühlte mich überfordert von den Gefühlen die hochgekommen sind. Auch war es nicht einfach in der gewohnten Umgebung zu reisen, da sich alles nach zu Hause angefühlt hat. So waren die ersten Tage eher ein Fliehen als ein Reisen.

Das Velofahren ging von Tag zu Tag besser. Die Etappen wurden länger und so bin ich bereits einen halben Tag zu früh in Liechtenstein angekommen. Nämlich hat sich Susi für den vierten Tag angekündigt. Wir haben einen tollen Tag in Liechtenstein verbracht wo wir nach Malbun gefahren sind und das kleine Nachbarland mit dem Auto erkundet haben. Der Tag war super und jedoch der Abschied am nächsten Tag umso härter. Es war persönliche aber voller Gefühle. Da war er nun also. Der Moment wo ich nun keine Termine mehr habe, da sich das Festival nicht mehr gemeldet hat, und ich dorthin fahren konnte wohin ich wollte.

Der Weg führte mich in Richtung Südtirol. Ich hatte mich zuvor so sehr darauf eingestellt die Strecke nach Kroatien in 16 Tagen zu bewältigen und dafür die Alpen zu überqueren so, dass ich dieses Projekt nun als sportliche Herausforderung in Angriff nahm. Der Weg von Vaduz führte mich also auf direktem Weg nach Davos. Die Strecke fuhr sich super. Der Veloweg ist wirklich toll ausgebaut und man kommt rasch voran. Auf Empfehlung von zwei Rennradfahren, die ich auf dem Campingplatz in Liechtenstein kennengelernt habe, bin ich mit dem Velo von Klosters nach Davos im Zug gereist und habe dort direkt am Davosersee übernachtet. Nach einer erholsamen Nacht ging es dann hoch auf den Flüelapass welches aktuell meine grösste sportliche Herausforderung war und zugleich auch der höchste Punkt bisher auf der Reise darstellt. Die Abfahrt nach Zernez war ein toller Abschluss von diesem Tag und zugleich auch mein Ort für die nächsten Tage, da mich der kommende Regen im Zelt blieben liess und ich so zwei Tage in Zernez Pause machen musste.

Die Zeit in Zernez war rückblickend heilsam und im richtigen Augenblick. Zuerst hat mich im Zelt die Melancholie voll getroffen und ich bekam den Lagerkoller, da ich nahezu 24h im Zelt im Regen verbrachte und nicht so ganz mit der Situation zurechtgekommen bin. Ich konnte nicht mehr wirklich nachvollziehen was ich an der Reise toll finden sollte und was nicht. Auch die ganzen unverarbeiteten Gefühle kamen erneut hoch ohne jemals geweint haben zu können. Um der Melancholie zu entkommen habe ich mich mit Lesen abgelenkt. Das Buch: «Mit 50€ um die Welt» von Christopher Schacht hat mich dann erneut inspiriert und mich insofern weitermachen lassen, dass ich nicht gleich meine Pläne von der Rückkehr umgesetzt habe. Danke Christopher! Ein weiterer heilsamer Moment war der zufällige Gang in die Kapelle in Zernez. Ich fuhr mit dem Velo zuerst an ihr vorbei und sah lediglich die offenstehende Tür. Doch mein Gefühl sagte mir schau dir die Kapelle an. Also habe ich mich rein gesetzt und endlich die erlösenden Tränen gefunden die ich in den letzten Tagen gesucht habe. Danach war ich wie reingewaschen und wieder völlig motiviert weiter zu machen. Verrückt wie einfach es manchmal sein kann.

Der weitere Weg war dann zwar anstrengend jedoch völlig geschmeidig. Der Aufstieg von Zernez auf den Ofenpass war lang und nicht ganz so schwierig wie der auf den Flüelapass. Die Fahrt durch den Nationalpark war traumhaft und ein regelrechter Genuss. Was ich noch nicht wusste war, dass es ab dem Ofenpass die nächsten Tage nur noch bergab gehen wird. Yay! Zuerst kam ich in Santa Maria vorbei welches beindruckend schön ist und zum Verweilen einlädt. Während einer kurzen Pause habe ich Martin, ein deutscher Radreisender, kennengelernt. Wir fuhren gemeinsam bis nach Mels wo mein Weg abzweigte und Richtung Meran und danach nach Bozen führte.

Akt III: Rückschlag

Der Veloweg ist zuerst nahe der Schweizer Grenze noch nicht so toll ausgebaut gewesen wie er später wurde, jedoch waren die schnellen Abfahrten durch den Wald sehr unterhaltsam. Bereits vor Meran wurde er traumhaft und doppelspurig. Es hat mich schon fast an eine Autobahn für Velos erinnert. Natürlich war der Weg auch entsprechend frequentiert.

Die erste Nacht habe ich dann an einer Grillstelle mit Brunnen verbraucht bei welcher sich dann später noch Michelle und Philipp dazugesellten mit welchen ich den nächsten Tag und die nächste Nacht verbrachte. Zu dritt fuhren wir ziemlich flott nach Meran und genossen einen Nachmittag in der Stadt. Meran ist traumhaft schön und es verwundert nicht, dass es ein Kurort ist.

Nach einer Nacht zwischen den Äpfeln und einer kleinen Dusche der Bewässerungsanlage haben sich dann unsere Wege getrennt und ich fuhr alleine weiter nach Bozen. Michelle und Phillipp haben ihren Weg weiter entlang der Via Claudia verfolgt. Die weitere Strecke war völlig entspannt. Es fuhr sich ein paar Stunden entlang der Etsch weiter auf dem MEBO bis ich dann in der Industriestadt angekommen bin. Es war ein harter Kontrast im Vergleich zu Meran und ich wusste, wenn ich nochmals ins Südtirol komme, dann führt mein Weg nach Meran.

Bozen war eine schnelle Nummer. Ich fuhr einmal quer durch die Stadt und habe in einem kleinen Cafe einen richtig guten Cappuccino getrunken. Nach dieser kurzen Rast ging es dann sofort weiter in Richtung Brennerpass. Das war nämlich die letzte Überquerung einer höheren Gebirgskette für die nächste Zeit und ich war positiv gestimmt dies rasch hinter mich zu bringen. Leider geschieht doch so oft genau in diesen Momenten der Sicherheit irgendetwas. Glücklicherweise nicht in Form eines Unfalles sondern in Form einer Entzündung meines linken Knies. Was ich noch nicht wusste zu diesem Zeitpunkt wie sehr mich das noch beschäftigen wird.

Die Fahrt Richtung Brennerpass von Bozen aus ist rund 90km lang und man überwindet in dieser Zeit etwas 1000Hm also eigentlich ganz easy und auch für einen untrainierten Velofahrer wie mich machbar. Leider hat sich beim leichten aber dauerhaften Anstieg mein linkes Knie entzündet, welches sich mit einem sporadischen «blockieren» geäussert hat und sich nur mit ein paar hundert Meter laufen wieder lockern liess. Etwas unschlüssig was ich nun machen soll habe ich mich bis zum nächsten Bahnhof in Klausen durchgequält um den Zug nach Sterzing zu nehmen wo ich bereits den nächsten Campingplatz rausgesucht hatte um die Nacht vor dem Überqueren des Brenners zu verbringen.

In Sterzing habe ich dann drei Nächte verbracht und mich erneut auf den Weg zu machen. Es fühlte sich gut an, als wäre alles wieder in Ordnung. Leider waren die Schmerzen jedoch nach 13km erneut vorhanden und wurden sogar stärker. Da die Strecke bis auf den Pass rund 26km betrugen und die vergangenen Kilometer bereits ordentlich hügelig waren, habe ich mich dazu entschieden weiter zum Pass zu fahren, da die Strecke gleich weit ist wie zurück. So hiess es Zähne zusammenbeissen und treten. Die restlichen Kilometer waren wirklich nicht schön. Solche Schmerzen wie dort habe ich bisher noch nie verspürt und bin froh, wenn ich es hoffentlich nicht mehr erleben muss. Auf dem Brenner musste dann auch entschieden werden wie das weitere Vorgehen aussieht. Nach Innsbruck? Direkt nach Kufstein? Da nicht klar war ob ich das Fahrrad in den Zug nehmen kann musste ich noch bis Innsbruck fahren und bin dort in den Zug nach Kufstein eingestiegen. Eine bekannte hat mir nämlich Angeboten, wenn ich in der Nähe sein sollte, dann müsse ich unbedingt bei ihr halt machen. So habe ich dieses wahnsinnig grosszügige Angebot angenommen und bin zu ihr gefahren.

Die Zeit in Kufstein hat sich dann von ein paar Tagen auf über zwei Wochen verlängert. Da das Knie nicht merklich besser und bei einer Testtour bereits wieder nach 20km zu Schmerzen begann musste der Arzt aufgesucht werden. Dieser stellte fest, dass alles in bester Ordnung sei und bloss der Teil hinter der Kniescheibe entzündet ist. Super, nur eine Entzündung!

Da vom Arzt Ruhe angeordnet wurde, waren die nächsten Tage ziemlich ruhig. Rumliegen, am PC sein und viel lesen. Einmal musste ich mein Quartier wechseln, da die Handwerker bei der bekannten zu Gange waren und ich durfte bei einer guten Freundin von ihr im Atelier einziehen. Was für eine Erfahrung! Es war super toll und wir konnten viel zusammen unternehmen. Dem Knie ging es wieder soweit gut, dass normales Laufen problemlos möglich war. Wir gingen in die Kaiserklamm, haben im Fluss auf einer Sandbank gegrillt und sind bei ihrer Nichte zum Abendbrot eingeladen gewesen.

Im allgemeinen war in Kufstein viel los und man konnte viel sehen. Zum Beispiel war die Wanderung zur Bergstation des Kaiserlifts ein tolles Erlebnis. Auch der Besuch von zwei bekannten aus der Schweiz welche gerade in Kufstein halt gemacht haben war ein super Nachmittag oder der Abend im Stollen (die Bar mit der weltweit grössten Gin Auswahl. Über 1200 Gins!)

Aber es musste in Kufstein auch eine Entscheidung getroffen werden. Nämlich wie geht es bei der Reise weiter?

Akt IV: Umdenken

Die Frage wie es weiter gehen soll war für einige Tage mein ständiger Begleiter. Zuerst wollte ich nämlich an den Plänen mit dem Velo festhalten und mich fertig auskurieren. Nur nach irgendwann habe ich auch bemerkt, dass dieses festhalten an alten Ideen nur eine Gewohnheit aus dem alten Leben ist. Ich hatte mir ja vorgenommen auf der Reise spontan zu sein und auf das Gefühl zu hören. So habe ich mir also einige Tage Zeit genommen, habe Kufstein genossen und das Gefühl entscheiden lassen wie es weiter gehen soll.

So war es dann wirklich der Plan B der sich schon etwas vorher im Kopf gebildet hatte. Das Velo in Kufstein stehen lassen, das Gepäck reduzieren und alles in einen Rucksack packen. So wurde ich also zum Backpacker. Erst schmerzte es, bis ich die ganzen Vorteile eines Backpackers zu realisieren begann und mittlerweile ganz glücklich über die Entscheidung bin – auch wenn es mich manchmal noch wurmt, dass ich nicht mit dem Velo weiter machen kann.

Der weitere Verlauf ging dann völlig easy und schnell. Von Kufstein aus war ich innerhalb von 3 Stunden und zwei Mitfahrgelegenheiten in Salzburg wo ich die nächsten Tage verbrachte und mich danach nach Scharnstein aufmachte wo ich einen Platz für den September gefunden habe über das Portal von workaway.info.

Nun bin ich schon seit über zwei Wochen an diesem wundervollen Ort mit dem Namen Rangjung Yeshe Gomde. Aber diese Geschichte wird nächsten Monat erzählt.

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2 Kommentare

kessler · September 26, 2019 um 9:50 am

Na ja Es ist halt schon nicht das selbe mit dem Rucksack oder mit dem Velo.Wünsche dir trotzdem eine gute Reise Grüsse wk

    Yannick · September 29, 2019 um 6:22 pm

    Vielen Dank für deinen Kommentar!

    Das stimmt völlig. Es ist nun eine komplett andere Reise. Bisher gefällt es mir sehr gut, da mich die Änderung an neue spannende Orte geführt hat an die ich sonst wohl nicht gekommen wäre. Aber wer weiss, vielleicht setze ich mich plötzlich wieder aufs Fahrrad?

    Liebe Grüsse
    Yannick

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