Nun ist es soweit ich bin seit einer Woche unterwegs. Eine Woche in der bereits viel passiert ist. Anstrengungen die ich noch nie vorher gespürt habe, Freude, Einsamkeit und Frieden.

Es ist wirklich ein Karussell der Gefühle. Obwohl ich nicht dafür bekannt bin, dass ich wahnsinnig emotional bin, hat mich diese erste Woche bereits viel über mich lernen lassen. Denn ich bin es anscheinend doch. Fangen wir aber erst einmal beim ersten Tag an.

Tag 1:

Am ersten August hat zu Hause der Abschiedsapero stattgefunden. Ein Apero welcher sich zu einem richtigen Fest entwickelt hat und mit über vierzig Gästen ein würdiger Abschied war. So hat es sich ergeben, dass ich nicht wie vorgesehen um 14.00 Uhr sondern mit einer Stunde Verspätung erst um 15.00 Uhr losgefahren bin. Losgefahren Richtung Osten. Die ersten Kilometer noch in Begleitung von Marcus mit dem Velo und Nicolas und Marco mit dem Motorrad. Es war ein fabelhafter Abschied!

Der erste Tag lief dann ganz gut. Ohne wirklichen Plan und viel Schweiss habe ich den Weg durch den Kanton Aargau gefunden bis Oberwil-Lieli, wo ich mein erstes Nachlager aufgeschlagen habe. Die Nacht war natürlich alles andere als ruhig. Überall um mich herum wurde Feuerwerk angezündet und es wurde der Nationalfeiertag gefeiert. Auch konnte ich eine Zeit lang nicht einschlafen, da plötzlich ein Tier in vorsichtigem Abstand um mein Zelt schlich. Es liess sich nicht ausmachen was es war. Es hat nur immer wieder einen laut von sich gegeben welchen ich keinem Tier zuordnen konnte. Trotzdem bin eingeschlafen und habe bis zum Tagesanbruch gut geschlafen.

Tag 2:

Der zweite Tag wurde dann der bisher anstrengendste. Denn am Abend war mir schlecht von der Anstrengung, da habe ich mich überfordert ohne es zu bemerken. Es war auch der Tag mit den meisten Kilometern bisher. In der Zahl waren es 70km welche an diesem Tag völlig einfach abgespult werden konnten. Die Fahrt führte dann das erste mal über den Kanton hinaus. In Birmensdorf habe ich dann den ersten grossen Velo Wegweiser entdeckt bei welchem ich die Route mit dem Verlauf in meine Richtung gewählt habe. Meine Richtung war nämlich Richtung Zürichsee. Bereits hatte ich im Kopf, dass ich via Zürichsee und Walensee nach Liechtenstein fahren will.

So fuhr es dann ziemlich rasch bis nach Sihlbrugg. Die Velowege sind wirklich super zu fahren und lassen kaum Platz um sich zu verfahren (hierzu ist vielleicht der Beitrag: Nr.9 Schweizer Radwanderwege interessant). In Sihlbrugg angekommen hat mich jedoch die erste Challenge erwartet. Der Hirzel war aufgrund von Belagsarbeiten gesperrt und es war eine Umfahrung ausgeschildert, welche gar nicht in meinen Plan passte. So musste ich das erste Mal eine Alternative suchen. Die war auch schnell gefunden, nämlich führte ein Wanderweg von Sihlbrugg bis nach Hirzel welcher auf einer Nebenstrasse den Berg hoch folgte.

Der Weg welcher zu Beginn so steil war, dass das Fahrrad die ersten paar hundert Meter geschoben werden musste hat sich als goldrichtig herausgestellt. Es haben sich tolle Gespräche ergeben. Zum einen mit Martin, einem Slowaken welcher selbst viele Radtouren unternommen hat, und zum anderen mit einem lokalen Bauern welcher viel Wissen wollte über die Reise und was ich vor habe. Gegen oben wurde es immer flacher bis dann endlich der Veloweg wieder ausgeschildert war. Diesem konnte ich dann richtig lange folgen. Nämlich bis zum dritten Tag und kurz vor dem Walensee. Nur wurde mir dieses lockere Fahren dann zum Verhängnis. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr die Leistung bringen kann die ich wollte und das Wasser wurde langsam knapp. Also haben auf einmal Ängste dominiert, da ich nicht wusste wie es weiter gehen soll.

Wie der Zufall es wollte ist dann im nächsten Dorf, welches auf dem Veloweg lag ein Bauernhof aufgetaucht. Diesen habe ich angesteuert und nach Wasser und einem Platz für mein Zelt gefragt. Beides wurde mir gewährt. Ich durfte sogar in der Halle der Lastwagen schlafen. Alles in allem ein gelungener Tag obwohl, der Abend dann etwas mühselig war. Ich hatte keinen Appetit, mir war übel und musste trotzdem Essen. So schlief ich dann ein und habe mich gut erholt um am nächsten Tag weiter zu fahren.

Tag 3:

Dies war mein bisher liebster Reisetag. Die Fahrt führte von Bilten dem ganzen Walensee entlang bis nach Liechtenstein. Der Radweg am Walensee entlang ist wirklich eine Empfehlung man sieht so viel und kann immer wieder einen kurzen halt einlegen um selbst ins Wasser zu springen. Dies habe ich dann auch getan und mir das erste Bad bei einer Mittagspause gegönnt.

Gut verpflegt, gewaschen und motiviert führte die Fahrt weiter nach Sargans. Eine Strecke die sich wirklich rasch überwinden lies. Leider nicht sonderlich speziell, da es oft einfach völlig gerade aus entlang einem kleinen Fluss führte. Da nun etwas mehr Zeit zur Verfügung stand habe ich mich dazu entschlossen diese Nacht auf dem Campingplatz in Triesen (FL) zu verbringen. Denn am nächsten Tag hat Susi mich besucht um einen gemeinsamen letzten Tag in Liechtenstein zu verbringen.

Der Campingplatz Mittagspitz war eine tolle Erholung. Auch war es eine tolle Gesellschaft. Zum einen eine junge Dame welche mit ihrer Vespa die Grandtour gefahren ist und viel über die Erlebnisse der vergangenen Woche zu berichten hatte und zum anderen ein französisches Paar von Lyon welches mit ihren E-Bikes eine Tour durch die Schweiz unternahmen. Wir haben viel über das Reisen, die Freiheit und die verschiedenen Lebensbedingungen von Frankreich und der Schweiz unterhalten. So bin ich wieder etwas ins grübeln geraten ob ich wirklich nach meiner Rückkehr ein Auto benötige oder ob es nicht auch ein Leben nur mit dem Velo gibt?

Tag 4:

Es hat sich wie Urlaub angeführt. Der Tag war wunderschön. Nach einer kurzen Anreise von Triesen (FL) nach Vaduz (FL) habe ich im Stadtzentrum Susi getroffen. Lustig war, dass ich nicht auf mein Natel geschaut habe sondern einfach Richtung Zentrum gefahren bin, weil sie meinte das Hotel sei dort. So habe ich bei der Einkaufsmeile halt gemacht um kurz das Natel zu checken und schon hat sie mich gesehen. Sie sass nämlich direkt vor mir und hat gewartet.

Wir haben viel miteinander geredet um dann im Hotel Vaduzerhof einzuchecken. Toll war, dass ich mein Fahrrad mit ins Zimmer nehmen durfte und wir so völlig freie Hand hatten was wir unternehmen.

Wir entschlossen uns das kleine Land mit dem Auto zu erkunden. Zuerst führte die Fahrt bis an die österreichische Grenze wo wir kehrt gemacht haben um danach nach Malbun zu fahren. Wir beiden mögen die Aufschnitte und Fleischspezialitäten von Malbuner sehr und haben uns gefragt woher die eigentlich stammen. So fuhren wir in das idyllische Bergdorf welches eine wirklich tolle Anfahrt hatte und ich froh bin dies nicht mit dem Fahrrad machen zu müssen. Denn die Fahrt führte in rund 11km über 1100 Höhenmeter hinauf. Wir machten uns einen tollen Nachmittag in Malbun genossen die Zeit miteinander und fuhren dann wieder zurück nach Vaduz um festzustellen, dass zu dieser Zeit an einem Sonntag kaum ein Restaurant geöffnet hat. So haben wir dann eine Fahrt übe die Grenze nach Österreich unternommen und den Tag gemütlich ausklingen lassen.

Tag 5:

Da war er nun, der persönliche Abschied von Susi. Ein wirklich emotionaler Moment für beide. Denn nun war es klar, wir sehen uns nicht mehr gleich in den nächsten Tagen. Es war nicht einfach doch es musste sein. So habe ich mich erneut auf mein Velo gesetzt und bin Richtung Davos aufgebrochen wo meine bisher grösste sportliche Challenge gewartet hat. Die Überquerung des Flüelapass.

Die Fahrt führte alles einem Veloweg entlang bis nach Klosters. Die Fahrt war anstrengend obwohl ich es zuerst nicht gedacht hätte. Die ersten 40km gingen fast wie von alleine. Erst der Schluss wurde hart mit einigen Passagen wo ich das Velo schieben musste, da auf dem Kiesuntergrund nicht gut zu fahren war. In Klosters angekommen musste ich mich entschieden wie es weiter gehen soll. In Triesen (FL) wurde mir abgeraten den Wolfgangpass zu fahren, da er sehr steil und stark befahren sei und womöglich zu hart sei mit so viel Gepäck.

Diesen Rat habe ich angenommen da sie beide wahnsinnige Cracks waren und wussten wovon sie reden. Sie hatten mit dem Rennrad die Tour Triesen (FL) auf den Flüelapass in einem Tag absolviert. So fuhr ich mit dem Zug nach Davos Dorf und habe den Abend am Davosersee mit einem Radler ausklingen lassen.

Tag 6:

Der grosse Tag. Dafür habe ich mich bereits seit Wochen mental vorbereitet. Die Überquerung des Flüelapass. Es ging früh los. Ich war bereits vor sieben wach und konnte mir so genügen Zeit nehmen mich zu Verpflegen und alles zusammen zu packen. So ging die Fahrt kurz vor 8.00 Uhr los. Eine tolle Zeit, denn es hatte kaum Verkehr. Die Fahrt dauerte rund drei Stunden. Drei Stunden in denen ich ans Abbrechen gedacht habe und nicht mehr weiter wollte. Aber auch Stunden in denen ich das Radfahren geniessen konnte und mit jedem Höhenmeter gemerkt habe, dass noch mehr möglich ist.

Also habe ich auf die Zähne gebissen und mit Hilfe von einem Pack Studentenfutter und vielen Dextro Energies habe ich dann geschafft. Kurz nach 11.00 Uhr bin ich auf der verregneten Passhöhe angekommen. Zur Feier von diesem Erfolg gönnte ich mir eine heisse Schokolade und ein Stück Linzertorte im Hospiz. Da es in den Regenkleider etwas schwül wurde, habe ich vor dem Hospiz fertig erholt und es kam ein Gespräch mit einem Berner Radreisenden zu stande. Er selbst hat gerade eine Reise aus dem Wallis unternommen und fuhr täglich einen Pass. Hat aber dann die Reise vorzeitig abgebrochen, da das Wetter für die nächsten Tage nicht besonders gut war fürs Engadin und fuhr noch bis Klosters wo er dann den Zug nach Bern nahm.

Meine Reise ging weiter vom Flüelapass nach Zernez. Wo mich dann das schlechte Wetter auch erreicht hat und ich einen Plan für die nächsten Tage schmieden musste. Es stand der Ofenpass als nächste Herausforderung auf dem Plan und dieser wollte ich nicht im Regen überqueren. Also habe ich mich auf dem Campingplatz eingefunden.

Der Tag auf dem Camping war der bisher schwerste. Die Unterkunft konnte noch im trockenen aufgebaut werden, doch es fing bald an zu Regnen. Ich bemerkte bald, dass ich ein Schönwetter Camper bin und tat mich schwer mit den Umständen. Es schwappten wieder die Gefühle hoch, was ich alles zurückgelassen habe und wie es sich anfühlt in der Nähe von lieben Menschen zu sein die ich lieb hab. Es war wirklich nicht einfach. Das Zelt fühlt sich bei Regen wie eine Zelle an. Was soll ich im Regen draussen machen? Hier habe ich wieder einmal mehr bemerkt, dass die Gewohnheiten worin wir alle gefangen sind einem nicht einfach so ziehen lassen. Das merkt man erst wenn man völlig auf sich gestellt und sich nicht mit Fernseher oder Computerspielen betäuben kann.

Die Nacht ging vorüber. Ich schlief ein und habe erstaunlich gut geschlafen nur um wieder im Regen aufzuwachen.

Tag 7:

Der Regen hat die Melancholie eindeutig getragen. So habe ich den siebten Tag ebenfalls in Zernez ausgesessen und damit begonnen mir meine Routinen zu schaffen. Nach etwas Startschwierigkeiten fing es an zu funktionieren. Da wurde mir wieder einmal bewusst, welche Kraft Bücher haben können. Nämlich habe ich mir an diesem Tag anstatt ins Thermalbad zu gehen das e-Book: Mit 50€ um die Welt von Christopher Schaft gekauft.

Es war wirklich spannend zu sehen, wie schnell die Stimmung sich plötzlich aufgeheitert hat wenn in eine andere Welt abgetaucht wird. Zudem konnte ich weiter lernen was das Reisen wirklich ausmacht. Ein Plan ist nämlich eher zum verwerfen da als wirklich durchgesetzt zu werden. Das ist wohl für mich die grösste Hürde da mein Leben bis lang nur geplant vorüber ging.

Als es plötzlich für einen kurzen Moment aufgehört hat zu Regnen habe ich den Moment genutzt um mit meinem Teekessel und dem Buch in den Gemeinschaftsraum zu gelangen um dann den ganzen Nachmittag mit lesen und Tee trinken zu verbringen. Plötzlich war die miesepetrige Stimmung vorbei und ich konnte mich wirklich Anfangen auf das weitere zu freuen. Nämlich der Durchfahrt vom Nationalpark via Ofenpass und die weiterfahrt nach Italien!

Kategorien: Berichte

1 Kommentar

Björn · August 11, 2019 um 6:34 pm

Bleib dran mein lieber und schreibe deine eigene Geschichte. Dich erwartet noch viel mehr.

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